Singen mit Kindern

Chorarbeit an Schulen

Seit 2022 leite ich Kinderchöre an zwei Grundschulen im Leipziger Osten – an der Grundschule Holzhausen und an der Grundschule „Christoph Arnold“, Engelsdorf.

Zu den Kinderchören:
Kinderchor Engelsdorf
▶ Kinderchor Holzhausen


Dabei geht es um mehr, als Kindern Lieder beizubringen oder Konzerte vorzubereiten. Im Mittelpunkt steht etwas, das jedes Kind bereits in sich trägt: die eigene Stimme. Stimme ist untrennbar mit Leben und Lebendigkeit verbunden.

mehr lesen

Mit ihr machen wir uns bemerkbar, drücken uns aus und treten in Beziehung. Wir stimmen ein und heben uns ab. Wir rufen, flüstern, erzählen, lachen, weinen, klagen und jauchzen. Unsere Stimme verändert sich mit unserer Stimmung, mit unserem Gegenüber und mit dem, was wir gerade erleben.

Der Mensch ist ein singendes Wesen.

So wie im Menschen das Spielen und die Bewegung angelegt sind, ist auch das Singen eine seiner ursprünglichen Ausdrucksmöglichkeiten. Dieses singende Wesen kann entdeckt und erfahren werden.

Dazu gehört Ausprobieren, Hören und Nachahmen, Gestalten und Erfinden, allein tönen und gemeinsam klingen. Dabei kann die Erfahrung wachsen: Meine Stimme gehört zu mir. Sie ist unverwechselbar meine – und zugleich vielfältig und wandelbar.

Alltäglich Singen

Dass meine Kinderchöre an Schulen stattfinden, ist für mich von besonderer Bedeutung.
Die Schule ist einer der wichtigsten Lebensorte von Kindern. Hier verbringen sie einen großen Teil ihres Alltags. Hier lernen sie, schließen Freundschaften, streiten und versöhnen sich, erleben Erfolge und Schwierigkeiten und wachsen miteinander auf.

Genau an diesem alltäglichen Ort soll auch ihre Stimme hörbar sein.

mehr lesen

Zum Singen braucht es keine extra Wege und zunächst auch keine besondere musikalische Begabung. Der Chor ist dort, wo die Kinder sind: in der Schule.

So wird Schule auch zu einem Ort, der durch Stimmen belebt und beseelt wird: wenn aus einzelnen Kindern ein gemeinsamer Klang entsteht, wenn Lieder durch die Flure ziehen und manchmal vielleicht sogar den gewohnten Schulalltag ein wenig irritieren. Der Chor gestaltet das Leben der Schule mit – beim Hort- oder Schulfest, beim Weihnachtskonzert für die Schulgemeinschaft oder bei der feierlichen Verabschiedung der vierten Klassen.

Singen wird damit nicht zu einer besonderen Veranstaltung außerhalb des Lebens. 
Es ist Teil des Lebens.

Singen mit Freude

Mit Freude zu singen schließt nicht aus, dass dabei eine Menge gelernt wird.
Wir entdecken Lieder aus unterschiedlichen Zeiten, Sprachen und Kulturen, hören aufeinander, arbeiten mit der Stimme, lernen Kanons und Mehrstimmigkeit, üben und wiederholen und entwickeln nach und nach einen gemeinsamen Klang und ein gemeinsames Repertoire. Manches gelingt sofort, manches braucht Zeit.

mehr lesen

Dabei treffen sehr unterschiedliche Kinder und Stimmen aufeinander. Es findet kein Casting statt und es müssen nicht alle dasselbe können. Ich versuche wahrzunehmen, was ein Kind mitbringt, wo es Unterstützung braucht und wo jemand mehr möchte und musikalisch weitergehen kann.

Kinder können sich ausprobieren und zugleich gefordert werden. Freude und musikalischer Anspruch schließen sich nicht aus.

Allen Ernstes Singen

In meinen Chören singen wir nicht ausschließlich Kinderlieder. Ich mute Kindern auch Musik zu, die nicht eigens für sie gemacht wurde und deren Themen und Ausdruck weit über eine vermeintlich „kindliche Lebenswelt“ hinausreichen.
Denn Kinder beobachten die Welt sehr genau – auch die Welt der Erwachsenen.

mehr lesen

Sie nehmen Stimmungen, Widersprüche, Freude, Trauer, Sehnsucht und Ernsthaftigkeit wahr, lange bevor sie all das in Worte fassen können.
Wenn wir zum Beispiel der samischen Tradition des Joik begegnen, erleben die Kinder eine Tiefe und existentielle Ausdruckskraft der Stimme, die ein heiteres Kinderlied auf diese Weise nicht vermitteln kann. Beides hat seinen Platz.

Eine Viertklässlerin sagte mir zum Abschied einmal sinngemäß: Das Beste sei gewesen, dass wir auch Lieder für Erwachsene gesungen hätten und ich ihnen diese nicht vorenthalten habe. Dieser Satz ist mir geblieben.

Im kleinen Menschen lebt für mich bereits etwas von dem reifen Menschen, der er einmal sein wird. Kinder brauchen Spiel, Leichtigkeit und Unbefangenheit – aber ebenso Nahrung für ihre Tiefe, ihre Wahrnehmung und ihren Ausdruck.

Ich möchte ihnen deshalb musikalisch nicht nur das anbieten, was wir Erwachsenen für „kindgerecht“ halten, sondern ihnen zutrauen, auch Fremdem, Ernstem, Schönem und zunächst Unverständlichem zu begegnen.

Lebendige Singkultur

Kinderchor endet nicht an der Schultür. Was in den wöchentlichen Chorstunden wächst, geht hinaus: in den Ort, zu anderen Generationen und auf die Bühne.
Die Kinder werden mit ihrem Gesang Teil der Orts- und Regionalkultur, wenn sie bei Stadtteilfesten, Weihnachtsmärkten und anderen Veranstaltungen singen.
Besonders wichtig sind mir die Begegnungen mit Menschen anderer Generationen.

mehr lesen

Deshalb besuchen wir Pflegeeinrichtungen und Tagespflegen und singen dort mit den Menschen. Die Kinder singen ein altes Kinder- oder Volkslied, das sie gerade erst kennengelernt haben – und ein achtzigjähriger Mensch stimmt ein, weil dasselbe Lied seit Jahrzehnten in ihm lebt.

Dabei wird unmittelbar erfahrbar: Lieder bleiben lebendig. Sie können Menschen durch ein Leben begleiten und Generationen miteinander verbinden.

Verschiedene Höhepunkte

Zu einem Chor gehört auch, gemeinsam auf etwas hinzuarbeiten und besondere Erfahrungen zu machen.
Ein Höhepunkt des Chorjahres ist unser großes gemeinsames Konzert der Kinderchöre aus Engelsdorf und Holzhausen im Alten Kranwerk Naunhof. Die Kinder stehen gemeinsam auf einer großen Bühne, werden von professionellen Musikerinnen und Musikern begleitet und singen für Eltern, Großeltern, Geschwister, Freunde und Gäste.
Solche Erlebnisse sind besonders und ein wichtiger Teil der Chorarbeit. Aber sie sind nicht ihr einziges Ziel.

mehr lesen

Das Wesentliche geschieht auch Woche für Woche: wenn Kinder ihre Stimmen ausprobieren, wir über einen Liedtext ins Gespräch kommen, jemand eine neue Idee einbringt und wir ein Lied plötzlich ganz anders singen als bisher. Wenn ein Kind ein Anliegen mitbringt und wir dafür ein Lied finden. Wenn etwas zunächst nicht gelingt und irgendwann doch zusammenklingt.

So wächst ein Chor nicht nur auf ein Konzert hin. Er wächst mit den Menschen, die in ihm singen.

Stimme – Leben

Ich hoffe, dass meine Arbeit dazu beiträgt, Kindern die Freude am Singen zu erhalten oder sie neu entdecken zu lassen – und ihre Neugier auf die Vielfalt des eigenen Ausdrucks wachzuhalten. Denn in einer Stimme steckt weit mehr als schöner Gesang.

Ich glaube, dass im kleinen Menschen bereits vieles von dem angelegt ist, was im reifenden Menschen einmal hervortreten kann. Kinderchor bedeutet für mich deshalb nicht nur, etwas beizubringen. Es bedeutet auch, etwas zu nähren, das schon da ist.
Manchmal vergleiche ich meine Arbeit mit dem Legen von Samen.

mehr lesen

Da sind Lieder, Melodien, Klänge und Erfahrungen, die in einem Kind einen Platz finden. Manche gehen vielleicht sofort auf. Andere liegen lange verborgen. Vielleicht wird irgendwann, viele Jahre später, ein Lied wieder erinnert. Eine Melodie taucht auf, eine bestimmte Art zu singen, zu klagen oder zu jauchzen – und verbindet sich plötzlich mit einer Lebenssituation, einem Menschen oder einer Stimmung.
Was daraus wächst, werde ich als Chorleiterin nur zum kleinen Teil erleben.

Aber vielleicht liegt gerade darin etwas Wesentliches dieser Arbeit: einem heranwachsenden Menschen etwas mitzugeben, das sich nicht sofort zeigen oder messen muss. Etwas, das mit ihm weiterwachsen und zu seiner eigenen Erfahrung werden kann.

Mit Herz und Gesang durchs Leben.